Wer ein Medikament einnimmt, erwartet, dass es hilft. Diese Erwartung kann die Wirkung einer Behandlung messbar verstärken oder abschwächen. Der Placeboeffekt beschreibt die körperliche Reaktion auf eine Behandlung ohne Wirkstoff, etwa eine Tablette ohne Arzneimittel. Er ist eine nachweisbare Reaktion des Gehirns und des Immunsystems, keine Einbildung. Auch die Beziehung zur Ärztin oder zum Arzt bestimmt den Behandlungserfolg mit.
Was der Placeboeffekt ist
In klinischen Studien erhalten manche Teilnehmende statt des echten Medikaments eine Scheinbehandlung, ein Placebo. Das kann eine Tablette ohne Wirkstoff oder eine Spritze mit Kochsalzlösung sein. Auch eine vorgetäuschte Operation kommt vor. Zeigt sich bei diesen Personen trotzdem eine Besserung, spricht man vom Placeboeffekt. Dabei handelt es sich um real ablaufende Veränderungen, die im Gehirn nachgewiesen werden können.
Ein bekanntes Beispiel ist die vorgetäuschte Kniegelenksarthroskopie (eine Scheinoperation am Knie): In einer Studie berichteten auch die zum Schein operierten Patienten nach zwei Jahren über Schmerzrückgang und Beschwerdefreiheit, obwohl kein Eingriff stattgefunden hatte.
Der Placeboeffekt kommt nicht nur bei Medikamenten vor, sondern auch bei Operationen, in der Physio- und Psychotherapie. Er kann sich auf viele Prozesse im Körper auswirken, von der Atmung über die Verdauung bis zum Immunsystem. Selbst bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson ist die Wirkung positiver Erwartung relativ groß.
Wie Erwartungen die Wirkung verändern
Am deutlichsten zeigt die Schmerzforschung, wie stark Erwartungen ins Gewicht fallen. Positive Erwartungen können die Wirkung starker Schmerzmittel verdoppeln, negative Erwartungen schwächen sie deutlich ab. Forschende sehen darin die Möglichkeit, Schmerzmittel niedriger zu dosieren, wenn positive Erwartungen gezielt gestärkt werden. Die Entscheidung über die Dosierung gehört ins ärztliche Gespräch.
Auch negative Erwartungen können den Behandlungserfolg zunichtemachen. Die Forschung der letzten 30 Jahre hat den Nocebo-Effekt eindeutig belegt. Der Nocebo-Effekt ist das Gegenstück zum Placeboeffekt und beschreibt die Wirkung negativer Erwartungen auf die Behandlung.
Was der Placeboeffekt im Körper auslöst
Placeboeffekte lassen sich nicht nur im Gehirn nachweisen, sondern auch im Blut. Eine Forschungsgruppe um die LMU-Forscherin Karin Meißner untersuchte, was bei einer Placebo-Behandlung gegen Übelkeit im Körper geschieht. Die Forschenden wiesen nach, dass bestimmte Proteine an diesem Effekt beteiligt sind. Es war die erste Studie, die Proteomik in der Placebo-Forschung einsetzte, also die Analyse der Proteine im Blut. Die Placebo-Behandlung unterdrückt offenbar die schnelle Immunantwort, die mit Übelkeit zusammenhängt. Proteine wie Neurexin und Reelin, die für empathisches Verhalten und Bindung eine Rolle spielen, waren mit dem Placeboeffekt auf Übelkeit verbunden.
Zudem ließ sich im Blutplasma eine Proteinsignatur ablesen, also ein bestimmtes Muster von Proteinen. Sie sagte mit hoher Genauigkeit voraus, welche Probanden einen großen Placeboeffekt entwickeln würden. Zugleich zeigte die Studie einen Geschlechterunterschied: Bei Frauen normalisierte sich die Magenaktivität durch die Placebo-Behandlung, bei Männern nicht. Die Gründe dafür sind noch unbekannt.
Die genauen Abläufe sind noch nicht vollständig verstanden. Forschende des Universitätsklinikums Essen beschreiben, welche Mechanismen dem Placeboeffekt zugrunde liegen.
Die Arzt-Patient-Beziehung nutzen
Erwartungen entstehen maßgeblich im Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt. Das belegt eine Auswertung der American Psychological Association: Eine Arbeitsgruppe unter Leitung des UZH-Professors Christoph Flückiger untersuchte knapp 400 empirische Studien und fand, dass die Qualität der Therapiebeziehung ein robuster Prognosefaktor für den Therapieerfolg ist.
Besonders die frühe Phase der Therapie ist entscheidend. Symptomschwere und Arbeitsallianz, also die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Behandelten und Behandelnden, beeinflussen sich gegenseitig positiv.
Für Patientinnen und Patienten heißt das: Sprechen Sie offen an, wenn Sie Bedenken gegen ein vorgeschlagenes Medikament haben oder damit bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wer seine Erwartungen und Ängste benennt, gibt der Ärztin oder dem Arzt die Chance, darauf einzugehen. Bedenken zu verschweigen gibt einer negativen Erwartung Raum, die den Behandlungserfolg beeinträchtigen kann.
Warum Studien Placebos brauchen
Placebos haben in der Medizin einen festen Platz: in klinischen Studien. Um zu prüfen, ob ein neues Medikament wirkt, vergleichen Forschende es mit einer Scheinbehandlung. Die Placebogruppe zeigt, wie viel Besserung allein durch Erwartung und die Begleitumstände der Behandlung entsteht. Was die Gruppe mit dem echten Medikament darüber hinaus erreicht, gilt als spezifische Wirkung des Mittels.
Ulrike Bingel, Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen, hält diese Rechnung für einen „Irrweg“: den Placeboeffekt schlicht vom Wirkstoffeffekt abzuziehen. „Derzeit ist der Placeboeffekt in Medikamentenstudien oder klinischen Studien der Feind“, sagt sie. Statt ihn als Störfaktor zu behandeln, sollte die Medizin ihn als eigenständigen Wirkmechanismus anerkennen, als „Wirkung der körpereigenen Apotheke“. Behandelnde müssten geschult werden, damit sie Patientinnen und Patienten besser begleiten, Ängste nehmen und das Vertrauen in die Therapie stärken. Auch das Vergütungssystem müsste angepasst werden.
Quellen
- aerzteblatt.de · real ablaufende Veränderungen
- hirnstiftung.org · Wirkung positiver Erwartung
- treatment-expectation.de · Wirkung starker Schmerzmittel verdoppeln
- nachrichten.idw-online.de · Proteomik in der Placebo-Forschung
- medizinische-psychologie.uk-essen.de · welche Mechanismen dem Placeboeffekt zugrunde liegen
- idw-online.de · Qualität der Therapiebeziehung



