Wer sich über eine Behandlung oder Vorsorgeuntersuchung informiert, findet schnell einzelne Studien. Eine einzelne Studie kann irreführen: Sie umfasst oft nur wenige Personen, läuft kurz oder widerspricht anderen Untersuchungen. Eine systematische Übersichtsarbeit (auch systematischer Review genannt) sammelt alle passenden Studien zu einer klar formulierten Frage, prüft ihre Qualität und fasst die Ergebnisse zusammen. So bündelt sie den aktuellen Wissensstand in einem Dokument.

Wer sie liest, kann einschätzen, ob die Aussagen belastbar sind, welche Zahlen ernst zu nehmen sind und wo die Grenzen liegen. Dafür genügen vier Blickpunkte: Fragestellung, Methodik, Ergebnisse und Schlussfolgerungen.

Wie systematische Übersichtsarbeiten ablaufen

Eine systematische Übersichtsarbeit ist eine wissenschaftliche Methode mit festem Ablauf. Die Autorinnen und Autoren folgen einem vorab festgelegten, transparenten Plan und tragen alle verfügbaren Forschungsergebnisse zu einer bestimmten medizinischen Frage zusammen. Systematische Übersichtsarbeiten fassen das aktuelle Wissen zu Themen wie Therapie und Prävention übersichtlich zusammen und erleichtern damit Ärztinnen, Ärzten und Wissenschaftlerinnen die Arbeit. In der Medizin sind sie vor allem für Therapie und Prävention etabliert. Neben dem klassischen systematischen Review gibt es Overviews, die mehrere Übersichtsarbeiten bündeln, und Scoping Reviews, die erfassen, welche Forschung zu einem Thema überhaupt vorliegt. Ein Scoping Review zeigt, was untersucht wurde, beantwortet aber selten die Frage, was wirkt.

Der Ablauf umfasst fünf Schritte. Zuerst definieren die Autorinnen und Autoren die Forschungsfrage und entwickeln eine Suchstrategie. Danach legen sie Ein- und Ausschlusskriterien fest, sichten und wählen die Studien aus und führen die Ergebnisse zusammen. Systematische Literaturübersichten beschreiben dieses Vorgehen, legen offen, welche Quellen ausgewählt wurden, und empfehlen, die Forschungsfrage etwa mit dem PICO-Schema zu strukturieren, das die Frage in vier Teile gliedert. Vollständigkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse gehören zu den Wesensmerkmalen systematischer Reviews.

Warum Einzelstudien nicht genügen

Die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen nimmt jährlich stark zu. Wer sich über eine Behandlung informieren will, müsste Dutzende Einzelstudien lesen, bewerten und miteinander vergleichen. Systematische Übersichtsarbeiten sind deshalb häufig das einzige Mittel, um Fragen der alltäglichen Praxis annähernd zuverlässig zu beantworten. Sie verringern Unsicherheit, machen das Vorgehen nachvollziehbar und ordnen absolute und relative Risiken verständlich ein, wie Einführungen in systematische Reviews zeigen.

Empfehlungen medizinischer Leitlinien, also Behandlungsempfehlungen von Fachgesellschaften, beruhen häufig auf systematisch zusammengefasster Evidenz, das heißt auf gebündelten Studienergebnissen. Wer eine Leitlinie liest, profitiert damit indirekt von der Arbeit der Review-Autorinnen und -Autoren.

Woran Sie gute Übersichtsarbeiten erkennen

Die Fragestellung zuerst prüfen

Jeder systematische Review behandelt eine klar formulierte Fragestellung. Ein Beispiel: Unterstützen personenbezogene und arbeitsbezogene Maßnahmen die Rückkehr zum Arbeitsplatz bei Menschen mit koronarer Herzerkrankung, also einer Erkrankung der Herzkranzgefäße? Beim Lesen sollten Sie prüfen, ob die Frage zu Ihrer eigenen Situation passt. Das PICO-Schema benennt die vier Teile einer guten Forschungsfrage: Population (um wen geht es?), Intervention (welche Behandlung oder Maßnahme wird geprüft?), Comparison (womit wird verglichen?) und Outcome (welches Ergebnis zählt?). Bleibt die Fragestellung vage oder passt sie nicht zu Ihrer Situation, sind die Ergebnisse für Sie nur begrenzt aussagekräftig.

Die Methodik prüfen

Eine gute Übersichtsarbeit beschreibt ihre Literatursuche so genau, dass andere sie nachvollziehen können: welche Datenbanken durchsucht wurden, nach welchen Kriterien Studien ein- oder ausgeschlossen wurden und wie die Qualität der eingeschlossenen Studien bewertet wurde. Systematische Literatur-Reviews der Universität Würzburg zeigen, wie das in der Praxis aussieht: Bei einer Übersicht zu SGLT2-Inhibitoren, einer Medikamentengruppe gegen Diabetes, durchsuchten die Autorinnen und Autoren drei Datenbanken mit 1922 Treffern, prüften nach Entfernen doppelter Treffer 1305 Zusammenfassungen, lasen 63 Studien im Volltext und schlossen schließlich sechs Studien mit 4052 Teilnehmenden ein. Diese Zahlenfolge ist typisch: Von der ersten Suche bis zur endgültigen Auswahl bleibt nur ein kleiner Teil der Treffer übrig.

Für die Bewertung der Qualität der eingeschlossenen Studien gibt es standardisierte Instrumente. RoB 2 wird bei randomisierten Interventionsstudien eingesetzt, in denen per Zufall entschieden wird, wer welche Behandlung erhält. ROBINS-I bewertet Studien, in denen die Behandlung nicht per Zufall zugeteilt wurde. Fehlt eine solche Bewertung, sollten Sie die Ergebnisse mit Zurückhaltung lesen.

Ergebnisse und Meta-Analyse einordnen

Im Ergebnisteil steht, was die Studien tatsächlich gezeigt haben. Manche Übersichtsarbeiten enthalten zusätzlich eine Meta-Analyse, eine statistische Methode, die die zahlenmäßigen Ergebnisse mehrerer Studien zur gleichen Frage kombiniert und einen gewichteten Durchschnitt berechnet. Eine Meta-Analyse ist nur eine mögliche Form der Zusammenfassung und nicht in jeder Übersichtsarbeit enthalten. Wenn die Studien zu unterschiedlich sind, etwa weil sie verschiedene Patientengruppen oder Messverfahren nutzen, verzichten die Autorinnen und Autoren besser darauf. Auch eine Meta-Analyse selbst kann verzerrt sein, etwa wenn die zugrunde liegenden Studien einseitig ausgewählt wurden oder Daten fehlerhaft übertragen wurden.

Achten Sie bei den Zahlen darauf, ob absolute und relative Angaben genannt werden. Das relative Risiko beschreibt, um wie viel Prozent das Risiko in einer Gruppe sinkt. Wie viele Menschen tatsächlich davon profitieren, zeigt das absolute Risiko. Relative Angaben allein sagen wenig darüber, wie groß der Nutzen für den Einzelnen ist.

Schlussfolgerungen kritisch lesen

Am Ende fassen die Autorinnen und Autoren zusammen, was ihre Ergebnisse für die Praxis bedeuten. Prüfen Sie, ob diese Schlussfolgerungen zu den dargestellten Ergebnissen passen und ob die Autorinnen und Autoren ihre Grenzen benennen. Eine sorgfältige Übersichtsarbeit sagt auch, wenn die Studienlage dünn ist oder wenn offene Fragen bleiben. Eine einfache Ja-Nein-Antwort liefert sie selten. Häufig gilt eine Aussage nur für bestimmte Gruppen oder Bedingungen. Wenn Sie auf dieser Grundlage eine Entscheidung für Ihre eigene Gesundheit treffen möchten, besprechen Sie die Ergebnisse mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Wo systematische Übersichtsarbeiten an Grenzen stoßen

Eine Übersichtsarbeit kann nur so gut sein wie die Studien, die sie einschließt. Methodische Schwächen der Einzelstudien kann sie nicht beheben. Hinzu kommen zwei typische Grenzen: der Publikationsbias und die Aktualität. Publikationsbias bedeutet: Studien mit negativen oder unauffälligen Ergebnissen werden seltener veröffentlicht, sodass die verfügbare Literatur die Wirklichkeit optimistischer darstellen kann, als sie ist. Und weil systematische Reviews Zeit brauchen, können bis zur Veröffentlichung neue Studien hinzugekommen sein. Das Datum der Literatursuche zeigt, wie aktuell der Stand ist.

Eine Übersichtsarbeit zu nicht-antibiotischen Strategien bei Harnwegsinfektionen durchsuchte über 9000 Publikationen und schloss daraus neun Studien ein, wie Literatur-Reviews der Universität Würzburg berichten. Nicht-antibiotische Strategien waren mit mehr Beschwerden und häufigeren Komplikationen verbunden, außer bei Patientinnen ohne rote Blutkörperchen und ohne bakterielles Wachstum im Urin. So differenziert ist oft auch die Antwort einer guten Übersichtsarbeit: Sie gilt für manche Gruppen, für andere nicht.

Wo Sie vertrauenswürdige Übersichtsarbeiten finden

Die Cochrane Collaboration, 1993 gegründet, gilt als vertrauenswürdige und qualitativ hochwertige Quelle für systematische Übersichtsarbeiten. Ihre Reviews sind international als Qualitätsstandard anerkannt. Eine umfangreiche Sammlung solcher Reviews bietet die Datenbank Epistemonikos. Auch Medline, eine Datenbank medizinischer Fachliteratur, die über PubMed zugänglich ist, führt systematische Übersichtsarbeiten. Wer sich für Arbeitsmedizin interessiert, findet bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) eigene Übersichtsarbeiten zu aktuellen Themen. Auch bei vertrauenswürdigen Quellen lohnt der Blick auf Fragestellung, Methodik und Grenzen.

Quellen

  1. baua.de · Systematische Übersichtsarbeiten
  2. google.com · Systematische Literaturübersichten
  3. google.com · Wesensmerkmalen systematischer Reviews
  4. google.com · Einführungen in systematische Reviews
  5. allgemeinmedizin.uni-wuerzburg.de · Systematische Literatur-Reviews
  6. google.com · gewichteten Durchschnitt

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