Schlagzeilen über Krebsrisiken, Nebenwirkungen oder angebliche Wundermittel erreichen Sie täglich. Viele beruhen auf echten Studien, doch die Zahlen in der Überschrift weichen oft von den Daten im Original ab. Mit vier Fragen lässt sich eine Meldung einordnen: Wie groß ist der Effekt wirklich? Womit wurde verglichen? Wer steckt dahinter? Passt die Botschaft zu den Belegen? Eine fünfte Frage wird oft übersehen: Was will ich selbst glauben?
Relatives Risiko entlarven
Das häufigste Problem in Gesundheitsmeldungen ist die relative Risikoangabe. Das relative Risiko zeigt, um wie viel das Risiko in einer Gruppe gegenüber einer anderen Gruppe steigt oder sinkt. Ein relatives Risiko von 2 bedeutet ein doppelt so hohes Risiko. Diese Zahl klingt eindeutig, sagt aber nicht, wie groß das Risiko ohne die untersuchte Behandlung ist. Eine Halbierung des Risikos klingt beeindruckend. Ob wenige oder viele Menschen erkranken und sich die Zahl halbiert, macht für den Einzelnen einen großen Unterschied.
Relative Angaben in Prozent verstehen die meisten Menschen falsch. Der Arzneimittelbrief, eine unabhängige Zeitschrift für Ärztinnen und Ärzte, empfiehlt deshalb, Nutzen und Schäden von Therapien in absoluten Zahlen anzugeben, etwa „8 von 100 Menschen profitieren".
Zusätzlich sollten Sie zwischen relativem Risiko und Odds Ratio unterscheiden. Die Odds Ratio ist ein statistisches Maß, das die Chancen für ein Ereignis in zwei Gruppen vergleicht. Beide Kennzahlen können auf denselben Daten beruhen, aber unterschiedliche Werte liefern. wissenwaswirkt.org zeigt ein Beispiel, in dem die Odds Ratio 6 beträgt, das relative Risiko dagegen 4. Bei häufigen Ereignissen unterscheiden sich die Werte stark, bei seltenen nähern sie sich an. Wenn eine Meldung nur eine Kennzahl nennt und das Grundrisiko verschweigt, ist die Aussage unvollständig.
Nach der Vergleichsgruppe fragen
Eine einzelne Zahl sagt wenig, wenn der Vergleich fehlt. Der Arzneimittelbrief fordert, neue Therapien oder Arzneimittel im Vergleich mit etablierten Behandlungsmethoden zu bewerten. Fehlt dieser Vergleich, lässt sich der Nutzen nicht beurteilen.
Auch die Nicht-Behandlung gehört zu den Optionen, die eine Meldung nennen sollte. In manchen Fällen ist Abwarten die beste Wahl. Die Folgen einer Nicht-Behandlung verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie die einer Behandlung.
Wie belastbar sind die Belege?
Die Qualität der Belege entscheidet, wie viel eine Studie aussagt. Studien mit wenigen Teilnehmenden oder ohne Vergleich mit der besten bekannten Therapie sind wenig aussagekräftig. Vorsicht ist auch bei sogenannten Surrogat-Endpunkten geboten. Das sind Ersatzgrößen wie Laborwerte. Sie bedeuten nicht zwangsläufig, dass Menschen länger leben oder sich besser fühlen. Versprechungen von längerem Leben oder besserer Lebensqualität sollten Sie hinterfragen, bis die Daten sie stützen.
Umgekehrt gilt: Nicht jede gesicherte Erkenntnis stammt aus einer randomisierten placebokontrollierten Studie. Das ist eine Studie, in der eine Gruppe das Mittel und eine andere ein Scheinmedikament erhält. Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen auch ohne solche Studien überzeugend nachgewiesen werden kann. Entscheidend ist nicht die Studienform allein, sondern die Gesamtheit der Belege.
Quelle und Berichterstattung prüfen
Hinter vielen Meldungen stehen Pressemitteilungen von Unternehmen, die ein Produkt verkaufen wollen. Der Arzneimittelbrief weist darauf hin, dass solche Mitteilungen selten brauchbare Quellen sind, weil kommerzielle Interessen die Darstellung von Nutzen und Schaden beeinflussen. Drei Fragen helfen: Wer hat die Studie finanziert? Wer profitiert von der Meldung? Wird ein Interessenkonflikt offengelegt?
Der Pressekodex des Deutschen Presserats verlangt von Journalistinnen und Journalisten, bei medizinischen Themen eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen erwecken könnte. Forschungsergebnisse in einem frühen Stadium dürfen nicht als nahezu abgeschlossen dargestellt werden. Wenn eine Schlagzeile von einem Durchbruch spricht, prüfen Sie, ob die Studie am Menschen durchgeführt wurde und wie viele Personen daran teilnahmen.
Internationale Qualitätsvergleiche wie das Projekt Medien-Doktor zeigen, dass Angaben zu Belegen, Risiken und Nutzen zu den am seltensten erfüllten Kriterien in der Medizinberichterstattung gehören. Fehlen diese Angaben, ist das ein Warnsignal. Gute Berichterstattung zeichnet sich durch Vielfalt, Vollständigkeit, Relevanz, Verständlichkeit, Sachlichkeit und Unabhängigkeit aus. Sie nennt die Zahl der Teilnehmenden, den Zeitraum der Studie und die Vergleichsgruppe. Die absolute Größe des Effekts gehört ebenfalls dazu. Sie trennt gesicherte Erkenntnisse von einzelnen Studienergebnissen und benennt offene Fragen.
Den eigenen Bestätigungsfehler erkennen
Auch wer sorgfältig prüft, unterliegt dem Bestätigungsfehler. Das ist die Neigung, Informationen so zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen. Wer ein Medikament fürchtet, gewichtet kritische Meldungen stärker. Bei Hoffnung auf eine Behandlung geraten die Risiken leichter aus dem Blick. Das Schweizer Radio und Fernsehen SRF empfiehlt für den Faktencheck fünf Schritte: Plausibilität prüfen, Kontext beachten, Quelle überprüfen, Ort lokalisieren und mit anderen Quellen abgleichen.
Diese Schritte lassen sich auf Gesundheitsmeldungen übertragen. Plausibel ist eine Meldung, wenn die Zahlen zusammenpassen und die Aussage nicht übertrieben wirkt. Der Kontext umfasst, ob es sich um eine einzelne Studie oder um eine gesicherte Erkenntnis handelt. Die Quelle sollten Sie direkt aufrufen, statt sich auf die Zusammenfassung in der Schlagzeile zu verlassen. Der Abgleich mit unabhängigen Stellen zeigt, ob andere Fachleute die Meldung bestätigen.



